Wer beim Namen Jitterbug an schnelle Füße, fliegende Röcke und ausgelassene Paare denkt, liegt schon ziemlich richtig. Trotzdem ist Jitterbug nicht ganz so leicht einzuordnen wie Walzer oder Cha-Cha-Cha. Der Begriff bezeichnete vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren eine ganze Familie lebhafter Swingtänze. Häufig war damit der Lindy Hop gemeint, je nach Zeit und Ort konnten aber auch Elemente aus Charleston, Shag, Balboa oder später dem Jive dazugehören.
Die Wurzeln liegen in der afroamerikanischen Tanz- und Musikkultur der USA. In den Tanzsälen und Juke Joints entwickelten Tänzerinnen und Tänzer zu Jazz und Swing immer neue Schritte. Eine besondere Rolle spielte der Savoy Ballroom in Harlem. Dort trafen unterschiedliche Tanzstile aufeinander, und dort wurde der Lindy Hop zu einer der großen Attraktionen der Swingära. Namen wie George „Shorty“ Snowden, Frankie Manning und die Whitey’s Lindy Hoppers sind mit dieser Entwicklung eng verbunden.
Der Name klingt fast so lebhaft wie der Tanz. Das englische Wort „jitter“ lässt sich ungefähr mit Zittern, Nervosität oder Unruhe übersetzen, während „bug“ unter anderem Käfer bedeutet. Ein Jitterbug wäre demnach sinngemäß ein „Zitterkäfer“. Der Bandleader Cab Calloway machte den Ausdruck Mitte der 1930er-Jahre mit dem Lied „Call of the Jitter Bug“ und seinen Bühnenauftritten weithin bekannt. Dass er den Namen tatsächlich erfunden hat, lässt sich allerdings nicht sicher belegen.
Was macht den Jitterbug nun aus? Vor allem die federnde Bewegung, das spielerische Führen und Folgen und die Freiheit, spontan auf die Musik zu reagieren. Die Paare tanzen meist in offener oder halb offener Haltung, wechseln aber immer wieder in eine geschlossene Position. Drehungen, Platzwechsel, Kicks und Break-Aways, bei denen sich beide voneinander lösen und eigene Schritte zeigen, gehören zum typischen Bild. Der Oberkörper bleibt dabei vergleichsweise locker, während Füße und Beine oft erstaunlich schnell arbeiten.
Einen einzigen verbindlichen Grundschritt gibt es nicht. Manche Formen werden über sechs Schläge getanzt, andere über acht. Das ist kein Fehler, sondern gehört zur Geschichte des Jitterbugs. Als Sammelbegriff nahm er unterschiedliche regionale und tänzerische Varianten auf. Wer Lindy Hop tanzt, erkennt deshalb viele Bewegungen wieder; wer Jive oder Boogie-Woogie gewohnt ist, findet ebenfalls schnell vertraute Elemente.
Besonders spektakulär sind die akrobatischen Figuren, die man aus alten Filmaufnahmen kennt. Bei sogenannten Aerials wird ein Partner gehoben, geworfen oder über Hüfte und Rücken geführt. Solche Figuren wurden vor allem von Showgruppen wie Whitey’s Lindy Hoppers berühmt gemacht. Auf einer normalen Tanzfläche gehören sie jedoch nicht zum Pflichtprogramm. Dort lebt der Jitterbug viel mehr von Rhythmus, Improvisation und dem sichtbaren Vergnügen beider Tanzpartner. Akrobatik sollte nur trainiert und mit ausreichend Platz getanzt werden.
Getanzt wird im 4/4-Takt zu Swing, Jive oder Jump Blues. Der Rhythmus ist deutlich synkopiert und lädt geradezu dazu ein, mit der Musik zu spielen. Je schneller das Stück wird, desto kleiner und ökonomischer müssen die Schritte werden. Wer versucht, jeden Schritt besonders groß zu setzen, ist bei einem schnellen Big-Band-Stück ziemlich bald außer Atem. Gute Jitterbug-Tänzer wirken deshalb nicht hektisch, obwohl unter ihnen der Tanzboden bebt.
Während des Zweiten Weltkriegs brachten amerikanische Soldaten den Jitterbug nach Großbritannien, Frankreich und in andere Teile Europas. Die freie, ausgelassene Art des Tanzens wirkte dort zunächst ungewohnt und manchmal sogar anstößig. Gerade das machte ihn für viele junge Leute interessant. Aus den amerikanischen Swingtänzen entwickelten sich in Europa später eigene Formen, darunter der Boogie-Woogie und der sportlichere Jive.
Heute wird der Ausdruck Jitterbug nicht überall gleich verwendet. In historischen Zusammenhängen meint er häufig den ausgelassenen Swingtanz der 1930er- und 1940er-Jahre oder ganz allgemein das Swingtanzen. Einige Tanzschulen verwenden den Namen dagegen für einen vereinfachten Sechser-Grundschritt. Wer auf einer Tanzveranstaltung „Jitterbug“ hört, sollte daher nicht zu sehr über die genaue Schublade nachdenken. Entscheidend sind die Swingmusik, die Verbindung im Paar und der Spaß an der Improvisation.
- Entstehung: Ende der 1920er- und in den 1930er-Jahren
- Entstehungsort: USA, besonders die afroamerikanische Swingkultur
- Takt: 4/4
- Geschwindigkeit: meist etwa 30–50 Takte pro Minute
- Grundschrittlänge: je nach Variante 6 oder 8 Schläge
- Welttanzprogramm: Nein
Typische Lieder für den Jitterbug |
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| Name | Interpret |
| Call of the Jitter Bug | Cab Calloway |
| Jumpin’ at the Woodside | Count Basie |
| Sing, Sing, Sing | Benny Goodman |
| A-Tisket, A-Tasket | Ella Fitzgerald mit Chick Webb |
| Jump, Jive an’ Wail | Louis Prima |
Quellen:
- Encyclopaedia Britannica: Jitterbug
- Merriam-Webster Dictionary: Jitterbug
- Frankie Manning und Cynthia R. Millman: Frankie Manning: Ambassador of Lindy Hop, Temple University Press, 2007
- Marshall und Jean Stearns: Jazz Dance: The Story of American Vernacular Dance, Macmillan, 1968
Seit Anfang der 80er-Jahre gewinnt Lindy Hop auch in Europa zunehmend Freunde. Im Jahre 2005 gab es in London und New York bereits eine mehrere tausend Tänzer umfassende Insider-Gruppe, aber auch in anderen Großstädten der überwiegend westlich geprägten Welt und anderswo (z. B. Peking, Tokio) trainieren Fans des Tanzes regelmäßig und veranstalten öffentliche Partys. Rund 1500 Tänzer aus der ganzen Welt pilgern jährlich für vier Wochen in das kleine schwedische Dorf Herräng: Die „Harlem Hot Shots“ (früher: Rhythm Hot Shots), eine der besten Profitanzgruppen der Stilrichtung, widmen dort seit 1982 dem authentischen afroamerikanischen Tanz (und prominent dem Lindy Hop) ein Tanzlager. Gezielt werden Zeitzeugen der 30er- bis 50er-Jahre mit aktuellen Protagonisten der Tanzform zusammengeführt.





