„Hey, die Figur ist aber toll! Wo hast du denn das gelernt?“ So beginnt manche Unterhaltung am Rand einer Tanzfläche. Die bessere Frage lautet vielleicht: Warum stehen wir eigentlich nicht alle längst darauf? Tanzen verbindet Dinge, die sonst gerne auf verschiedene Termine verteilt werden: Bewegung, Musik, Konzentration, Begegnung und eine ordentliche Portion Spaß.
Für mich bedeutet Tanzen zunächst, sich zur Musik zu bewegen. Das klingt einfach, und im Grunde ist es das auch. Ein Grundschritt muss nicht spektakulär sein. Entscheidend ist der Moment, in dem aus Zählen Bewegung wird und die Musik plötzlich nicht mehr nur aus dem Lautsprecher kommt, sondern durch die Füße geht. Wer dabei Freude empfindet, besitzt bereits die wichtigste Voraussetzung. Rhythmusgefühl, Haltung und Figuren kann man lernen. Begeisterung lässt sich schwerer unterrichten.
Bewegung, die nicht nach Training aussieht
Je nach Tanz und Tempo kann ein Abend vom gemütlichen Walzer bis zum schweißtreibenden Boogie Woogie alles bieten. Beine und Rumpf arbeiten, der Kreislauf kommt in Schwung, und bei Drehungen sind Gleichgewicht und Körperkontrolle gefragt. Anders als bei mancher Sportübung zählt man dabei selten die letzten zehn Sekunden bis zum Ende. Meist wundert man sich eher, warum das Lied schon vorbei ist.
Dass diese Bewegung mehr ist als nur ein angenehmer Zeitvertreib, zeigen auch Untersuchungen. Eine systematische Übersicht über 18 Tanzprogramme mit älteren Erwachsenen fand besonders häufig Verbesserungen bei Muskelkraft und Ausdauer, Gleichgewicht und allgemeiner körperlicher Leistungsfähigkeit. Die einzelnen Studien waren unterschiedlich aufgebaut und nicht alle gleich aussagekräftig. Das Ergebnis ist deshalb kein Versprechen für jeden Tänzer, aber ein guter Hinweis darauf, dass regelmäßiges Tanzen eine vernünftige Form körperlicher Aktivität sein kann.
Der Kopf tanzt mit
Beim Tanzen hat das Gehirn keine Gelegenheit, sich gelangweilt in eine Ecke zu setzen. Es muss Musik und Takt verarbeiten, Schrittfolgen abrufen, Bewegungen planen, den Raum beobachten und beim Paartanz auch noch auf einen zweiten Menschen reagieren. Kommt eine neue Figur hinzu, beginnt das Ganze von vorn. Was im Kurs zunächst wie ein Knoten aus Armen und Beinen wirkt, läuft nach einiger Übung beinahe von selbst. Genau dieses Lernen macht einen großen Teil des Reizes aus.
Eine kleine Studie aus Magdeburg verglich bei gesunden älteren Menschen über 18 Monate ein Tanzprogramm mit herkömmlichem Fitnesstraining. In beiden Gruppen zeigten sich Veränderungen in Bereichen des Hippocampus, einer für Lernen und Gedächtnis wichtigen Hirnregion. Nur die Tanzgruppe verbesserte sich jedoch deutlich im untersuchten Gleichgewichtstest. Das ist interessant, aber kein Beweis dafür, dass Tanzen Demenz verhindert. Dafür war die Gruppe mit 26 Personen viel zu klein. Es zeigt vielmehr, wie viele körperliche und geistige Aufgaben beim Tanzen gleichzeitig zusammenspielen.
Ein Gespräch ohne viele Worte
Paartanz ist Kommunikation. Einer schlägt eine Richtung oder Figur vor, der andere nimmt das Signal auf und antwortet mit seiner Bewegung. Gute Führung bedeutet dabei nicht Schieben und Ziehen, sondern ein klares, angenehmes Angebot. Ebenso wichtig ist aufmerksames Folgen. Wenn beides gelingt, entsteht für ein paar Minuten ein Gespräch, für das niemand den passenden Satz suchen muss.
Viele Menschen gehen tatsächlich in einen Tanzkurs, um andere kennenzulernen. Warum auch nicht? Beim Tanzen ergibt sich der Kontakt nicht mühsam aus einem erfundenen Gesprächsanlass, sondern aus einer gemeinsamen Aufgabe. Man übt miteinander, verwechselt zusammen die Füße und hat sofort etwas zu lachen. Aus Tanzbekanntschaften können Freundschaften, Trainingsgemeinschaften und manchmal auch Partnerschaften entstehen. Das sollte nicht der einzige Grund zum Tanzen sein, ist aber ganz sicher kein schlechter.
Abschalten, ohne stillzusitzen
Wer versucht, im richtigen Takt einen Richtungswechsel zu führen, kann gleichzeitig nur schwer die unbeantworteten E-Mails des Tages durchgehen. Tanzen verlangt Aufmerksamkeit für den Augenblick. Musik, Bewegung und Kontakt holen den Kopf aus dem Alltag, wenigstens für die Dauer eines Liedes. Eine Metaanalyse von 41 kontrollierten Studien fand positive Wirkungen von Tanz und Tanztherapie auf verschiedene psychologische Gesundheitsmaße. Die Ergebnisse unterschieden sich allerdings deutlich zwischen den Studien. Tanzen ersetzt deshalb keine notwendige Behandlung, kann Wohlbefinden und Lebensqualität aber sinnvoll unterstützen.
Dazu kommt etwas, das in Tabellen nur schwer zu messen ist: Tanzen erlaubt Ausdruck. Ein Tango fühlt sich anders an als ein Quickstep, ein Blues anders als eine Salsa. Man kann elegant, verspielt, ruhig oder ausgelassen tanzen, ohne dafür eine Erklärung abgeben zu müssen. Selbst eine feste Schrittfolge lässt genügend Platz für eine eigene Haltung zur Musik. Und wenn dabei eine neue Figur entsteht, war es selbstverständlich Improvisation und kein Fehler.
Welcher Tanz ist der richtige?
Der Tanz, dessen Musik du gerne hörst. Wer Swing liebt, wird mit Lindy Hop oder Boogie Woogie wahrscheinlich glücklicher als in einem Kurs, dessen Lieder ihn kaltlassen. Wer es ruhig und innig mag, kann beim Tango Argentino landen. Salsa ist gesellig und temperamentvoll, Standardtänze bieten Haltung und Raum, und beim freien Tanzen braucht man weder Partner noch Figurenkatalog. Alter, Statur und vermeintliches Talent sind weniger wichtig als ein Kurs, dessen Tempo und Atmosphäre passen.
Am Anfang wird man Schritte vergessen, auf die falsche Seite starten und gelegentlich dort stehen, wo gerade der Partner hinwollte. Das gehört dazu. Niemand kommt als fertiger Tänzer zur ersten Stunde. Wer regelmäßig übt, merkt bald, dass der Körper Bewegungen versteht, über die der Kopf anfangs lange nachdenken musste.
Warum also tanzen? Weil Bewegung mit Musik leichter fällt. Weil der Kopf beschäftigt ist, ohne dass es sich nach Arbeit anfühlt. Weil man anderen Menschen begegnet. Weil ein gelungener gemeinsamer Takt ein kleines Erfolgserlebnis ist. Vor allem aber: weil Tanzen Spaß macht. Das ist wissenschaftlich vielleicht der am schwersten zu messende Grund, auf der Tanzfläche aber immer noch der überzeugendste.
Wer noch mehr Argumente sucht, findet sie im älteren Beitrag Die zehn besten Gründe, um Lindy Hop zu tanzen. Viel besser ist allerdings der Selbstversuch: Musik an, Platz schaffen und anfangen.
Quellen
- National Institute on Aging: Cognitive Health and Older Adults
- Hwang und Braun: The Effectiveness of Dance Interventions to Improve Older Adults’ Health
- Rehfeld et al.: Dancing or Fitness Sport? Effects on Hippocampal Plasticity and Balance
- Koch et al.: Effects of Dance Movement Therapy and Dance on Health-Related Psychological Outcomes